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fin.tank-Dossier zur Finanzkommunikation in ungewöhnlichen Zeiten

Wall Street Flashmob – Teil II

Vor einigen Wochen haben wir hier die Geschichte von GameStop erzählt. Sie passte perfekt zur Jahreszeit. Wenn es draußen dunkel und kalt ist, lässt sich am Kaminfeuer wunderbar berichten, wie der tapfere Keith Gill auszog, um die Hedgefonds das Fürchten zu lehren. Am Ende gab es viele glückliche Kleinaktionär:innen, die todgeweihte Computerspielkette GameStop war auf wundersame Weise gerettet und die gierigen Heuschrecken waren mit 19 Milliarden USD Verlust bestraft. Und wenn sie nicht gestorben sind, lebt Robin Hood mit seiner wilden Horde weiterhin im Sherwood Forest, um es von den Reichen zu nehmen und an die Armen zu verteilen. Oder?

Wie in jedem großen Epos ging es um Gut gegen Böse, um David gegen Goliath oder – wenn man es gerne moderner hat – um die Fortsetzung von Occupy Wall Street gegen die finsteren Mächte des Finanzkapitals. Inzwischen rückt das Frühjahr aber näher. Es ist also an der Zeit, das Licht anzuknipsen, die Glühweingläser zu spülen und die Erzählung von der großen Macht kleiner Aktionär:innen näher unter die Lupe zu nehmen. Und wie nicht anders zu erwarten, werden dabei zwischen dem Schwarz und dem Weiß eine Menge von Grautönen sichtbar.

Wer gewinnt tatsächlich im Spiel?

Die erste Illusion, die sich bei genauerem Hinschauen in Luft auflöst, ist das Narrativ von David und Goliath. Über soziale Netzwerke koordinierte Kleinaktionär:innen, die einen Short Squeeze organisieren, um auf fallende Kurse wettende Hedgefonds ins Straucheln zu bringen, beschreiben bestenfalls die Anfangsphase der GameStop-Aktion. Notgedrungen sind beim Spiel an der Börse die Broker mit an Bord. In den USA läuft der GameStop-Handel meist über Neobroker wie Robinhood, TD Ameritrade, Interactive Brokers oder Webull, in Deutschland über Trade Republic. Das sind alles keine Leichtgewichte im Markt und noch weniger sind sie unparteiisch im Spiel. Hiervon wird später noch zu berichten sein.

Vor allem aber werden die größten Gewinne keineswegs bei den Kleinaktionär:innen gemacht. Wenn es nach Profit riecht, stoßen auch Raubvögel zu, die hoch über der Finanzwelt kreisen. Von den 19 Milliarden, welche die Hedgefonds verlieren, landen daher 16 Milliarden als Gewinn bei den Fat Cats der Szene. Den Anfang machen Milliardäre wie Ryan Cohen (2,9 Milliarden) und Donald A. Foss (1,1 Milliarden). Vermutlich war es Cohen, der mit seinem Kauf von 9,5 Millionen GameStop-Aktien dem Coup überhaupt den nötigen Schwung verlieh. Danach witterten auch die üblichen Verdächtigen der Investmentszene ihre Chance und stiegen in die Wette ein. Am Ende gehörten dann Fidelity Investments (3,0 Milliarden), Blackrock (2,7 Milliarden) und Vanguard (1,7 Milliarden) zu den größten Profiteuren.[1] Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Profis im Börsengeschäft ihre Gewinne auch realisiert haben. Kleinaktionär:innen leiden dagegen notorisch an Schwächen beim Timing und verpassen vermutlich in Scharen den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg. Ordentliche Gewinne werden sie wohl dennoch gemacht haben, die vertraute Hackordnung im Aktienmarkt auf den Kopf gestellt haben sie aber nicht.

Vor allem aber werden die größten Gewinne keineswegs bei den Kleinaktionär:innen gemacht. Wenn es nach Profit riecht, stoßen auch Raubvögel zu, die hoch über der Finanzwelt kreisen.

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Und war das alles überhaupt legal?

Schon während der GameStop-Aktion beginnen sämtliche Beteiligten, sich wechselseitig als Rechtsbrecher zu beschimpfen. Hauptansatzpunkt ist das Verhalten der Neobroker in der heißen Phase des Handels. Die US-Broker, allen voran Robinhood, beschränken am 28. Januar 2021 den Kauf von GameStop-Aktien, angeblich, weil sie die gestiegenen Sicherheitseinlagen der Clearingstellen nicht mehr bedienen können. Der Aktienverkauf bleibt dagegen unverändert möglich. In Deutschland geht Trade Republic noch einen Schritt weiter und setzt die Kaufmöglichkeit komplett aus. Eine marktneutrale Entscheidung ist das in keinem Fall. Kleinanleger:innen können nicht mehr unbehelligt einsteigen, die Hedgefonds können ihre Short-Positionen aber weiterhin glattstellen. Wie vermutlich beabsichtigt dreht der Kurstrend von GameStop in Richtung des Großkapitals und die Aktie fällt auf weniger als die Hälfte ihres historischen Höchststandes. Der Aufschrei der Kleinanleger:innen ist laut, aber selbst das wird ihnen von den einschlägigen Kommunikationsplattformen nicht gegönnt. Google beispielsweise löscht massenweise negative Bewertungen der Robinhood-App, weil es dem Unternehmen zu stark nach koordinierten Protesten riecht. Facebook reagiert noch massiver und löscht die mitgliederstarke Gruppe Robinhood Stock Trades gleich ganz, weil deren Handelsaktivitäten angeblich gegen die Regeln der Plattform verstoßen. Das Imperium schlägt also zurück und zwar so dreist, dass es selbst Parlamenten und Aufsichtsbehörden zu viel wird. Sowohl in den USA wie in Deutschland protestieren Politiker:innen gegen die Benachteiligung von Kleinaktionär:innen gegenüber Großinvestor:innen und fordern Untersuchungen der Vorfälle ein. Staatsanwaltschaften beginnen zu ermitteln und Behörden wie die amerikanische Securities and Exchange Commisssion (SEC) und die deutsche Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin) nehmen sich der Sache an.

Aus der Perspektive der Finanzwelt wiederum wird die gesamte GameStop-Aktion für illegal erklärt. Daniel Hawke beispielsweise, früher Chef der Missbrauchsabteilung der SEC, hält das Vorgehen für eine neue Variante des uralten, aber dennoch verbotenen Pump-and-Dump-Spiels.[2] Dabei wird eine billige Aktie massenhaft gekauft, der Preis dann durch Falschinformationen über bevorstehende Kursgewinne in die Höhe getrieben und das Paket anschließend mit Gewinn wieder abgestoßen, bevor der Schwindel auffliegt. Michael Maisch vom Handelsblatt hält die GameStop-Aktion dagegen für ein ebenso verbotenes Schneeballsystem, weil sie nur funktioniert, solange immer mehr Kleinaktionär:innen Geld auf den Tisch legen.[3] Unter dem Strich ist im juristischen Streit zwischen Großkapital und Kleininvestor:innen allerdings wenig geschehen. Den Neobrokern jedenfalls wurde wegen ihrer Kaufbeschränkungen nicht ernsthaft auf die Finger geklopft. Zumindest die BaFin hat aber klargestellt, dass sich aus ihrer Sicht weder die Kleinanleger:innen noch Trade Republic der Teilnahme an einem Pump-and-Dump-Spiel schuldig gemacht haben, weil bei der Aktion keine Falschinformationen verbreitet wurden.

 

Entzaubert, aber wirkungsvoll

Was bleibt nun nach all diesen neuen Erkenntnissen vom Hype um die große GameStop-Aktion übrig? Ein Kampf weißer Ritter gegen finstere Dämonen ist es jedenfalls nicht, denn auch die dunkle Seite der Macht ist immer mit im Boot und verdient kräftig mit. Eine fleckenlos weiße Weste behält ebenfalls keiner der Beteiligten. Organisierte Short Squeezes bewegen sich hart an der Kante des Zulässigen und viele Gegenmaßnahmen vielleicht sogar knapp auf der anderen Seite der roten Linie. Letztlich geht es also nur ums Geld und da muss sich die Moral – wie schon Brecht wusste – mit Platz Zwei der Prioritätenliste begnügen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Börsenturbulenzen vor einem Jahr unter Lebenserfahrung abgeheftet und vergessen werden sollten. Auch ihrer moralischen Unterfütterung entkleidet behalten sie ihre Bedeutung für das Geschehen an den Finanzmärkten. Wohl niemand mehr wird so unverfroren auf Shortselling setzen wie bei GameStop. Wann immer sich Leerverkaufsquoten dem verfügbaren Streuvermögen auch nur nähern – geschweige denn es übersteigen – werden organisierte Anleger:innen sich auf die unvorsichtigen Großspekulant:innen stürzen und sie ausbluten lassen. Jenseits dieser engeren Perspektive bleibt die Erkenntnis, dass es auch in der Börsenwelt virale Phänomene gibt und weiterhin geben wird. Immer neue Meme Stocks werden exponentielle Aufmerksamkeitswerte erreichen, manche davon mit strategischen Plänen im Hintergrund und manche nach so unberechenbaren Mechanismen wie der Popularität eines Katzenvideos.

Letztlich geht es also nur ums Geld und da muss sich die Moral – wie schon Brecht wusste – mit Platz Zwei der Prioritätenliste begnügen.

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Neue Finanzkommunikation für die Welt der Meme Stocks

So lange das Zinsniveau am Nullpunkt festgefroren ist und die freundlichen Bankberater:innen von nebenan mit ihren Anlagebaukasten bestenfalls einen Inflationsausgleich hinbekommen, werden junge Menschen in Scharen den digitalen Aktienmarkt für sich entdecken. Hier wächst alleine zahlenmäßig eine neue Marktmacht heran und zudem eine Marktmacht, die mit der Vernetzung über soziale Medien groß geworden ist. Investor Relations müssen sich also mit neuen Zielgruppen und neuen Medien anfreunden. Mit perfekt sitzender Krawatte die Quartalszahlen vorzutragen hat wenig Wirkung auf Menschen, deren Aufmerksamkeitsschwelle von Storytelling und hochemotionalisierten Influencer-Clips geprägt ist. Umgekehrt können aber die richtigen Signale dazu beitragen, ein Unternehmen und seine Aktie ins Rampenlicht der Social Media zu rücken. Dazu gehören immer stärker auch Faktoren jenseits des wirtschaftlichen Erfolgs. Die Nachhaltigkeit von Produkten und Produktionsweisen, die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und eine Unternehmenskultur, die zeitgemäße Werte tatsächlich lebt, sind für Menschen der Generationen Y und Z oft entscheidender als eine glänzende Wachstumserwartung. Um diese Botschaften glaubhaft zu transportieren, braucht es neue, agile Kommunikationsstrukturen jenseits etablierter Silos. Investor Relations und Corporate Communications sollten dabei Hand in Hand arbeiten und voneinander lernen. Ziel ist eine gemeinsame, kontinuierliche Markenkommunikation, welche die Werte des Unternehmens und die Botschaften an potentielle neue Investoren bruchlos miteinander verzahnt. High-Tech-Giganten wie Tesla und Apple haben das längst verstanden und verdanken dieser Strategie einen großen Teil ihres Erfolgs. Auch außerhalb dieses Segments wird es für börsennotierte Unternehmen nun Zeit, ihre Finanzkommunikation neu zu denken, um ihre Chancen bei den Digital Natives nicht zu verpassen.

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