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Echter Change statt grüner Tünche

Nachhaltigkeit in der Finanzbranche

In diesem fin.tank-Dossier sprechen wir über ein Thema, das man zunächst nicht unmittelbar mit Banken und der Finanzbranche in Verbindung bringen würde: Nachhaltigkeit. Damit ist nicht nur Nachhaltigkeit mit Blick auf die Umwelt gemeint. Im Sinne des ESG-Standards wollen wir drei Dimensionen der Nachhaltigkeit betrachten. Dazu gehören neben „Environment“ (Umwelt und Klima) auch „Social“ (soziale Gerechtigkeit) und „Governance“ (gute Unternehmensführung und Aufsichtsstrukturen). Warum wird Nachhaltigkeit für Banken und Finanzinstitute in Zukunft ganz elementar sein? Und wie kann der Wandel zum nachhaltigen Unternehmen gelingen? Das besprechen die beiden fin.tank-Experten Frank Weber und Tobias Bruse.

  • Frank Weber
    Mitbegründer von fin.tank und Inhaber von weber.advisory
  • Tobias Bruse
    Mitbegründer von fin.tank und Director bei komm.passion

Tobias Bruse: Beim Thema Nachhaltigkeit denkt man nicht unbedingt an Banken, sondern eher an große Produktionsunternehmen, Energiekonzerne und Co. Auf sie entfällt der Großteil des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung. Trotzdem wird das Thema auch für die Finanzbranche immer wichtiger. Bevor wir aber dazu kommen, lass‘ uns erst einmal über Nachhaltigkeit sprechen. Was bedeutet das eigentlich?

Frank Weber: Was viele deutsche Manager:innen zum Thema Nachhaltigkeit proklamieren, ist bei genauerem Hinsehen nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Wenn ich über Nachhaltigkeit spreche, ganz gleich bei welchem Unternehmen, dann meine ich echte Nachhaltigkeit. Eine, die ernst gemeint ist und kein bloßes Marketingvehikel. Ich betone das deswegen noch einmal besonders deutlich, weil ich vor ein paar Tagen einen Artikel in der FAZ gelesen habe, der mich traurig gestimmt hat. Der Tenor war, dass in der Wirtschaft fast jeder nachhaltig sein möchte. Ist man aber bereit, dafür das Geschäftsmodell zu ändern? Da hört es bei den meisten dann auf.

Tobias Bruse:Also im Sinne von: Es ist schick, wenn ich ein „grünes“ Image habe und mich damit gegebenenfalls sogar von meiner Konkurrenz absetzen kann? Das grüngewaschene Image als Chance und das Fehlen dessen als Reputationsrisiko?

Frank Weber: Genauso schlicht ist es. Und das macht es gefährlich. Wirkliche Wettbewerbsvorteile lassen sich nicht durch grüne Tünche erreichen. Sondern nur, wenn man erstens konzeptionelle Stärke und zweitens Umsetzungsstärke hat – also strategisch etwas anders macht als der Wettbewerb. Und im Falle der Umsetzungsstärke einfach besser in der Leistungserfüllung ist als die anderen. Es geht um das Sein und nicht um den Anstrich. Das Sein berührt die Strategie und das Geschäftsmodell des Unternehmens. Interessant ist in diesem Kontext, dass laut dem Artikel gerade einmal jede:r vierte befragte Vorständ:in in Deutschland der Auffassung ist, dass sein bzw. ihr Unternehmen eine Nachhaltigkeitsstrategie hat. Jede:r Dritte war der Meinung, dass sich sein bzw. ihre Vorstandschef:in persönlich für Nachhaltigkeit einsetzt. Ich muss gerade an einen jungen Mitarbeiter der Strategieabteilung einer großen Sparkasse denken, der vor einiger Zeit von dessen Vorstandschef erfuhr, dass Nachhaltigkeit angeblich reine Esoterik sei.

Wie Banken das Thema Nachhaltigkeit angehen sollten

Tobias Bruse: Danke für diese Brücke in die Finanzbranche. Ich würde beispielhaft gern über die Deutsche Bank sprechen. Sie finanziert schon seit 2016 keine neuen Kohlekraftwerke und seit 2020 auch keine Fracking- oder Öl- und Gasprojekte in der Arktis mehr. Diese Aktivitäten in puncto Nachhaltigkeit kommen in der breiten Wahrnehmung aber kaum an. Hinzukommt, dass Banken in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin nicht das beste Image haben. Was müssen die Kreditinstitute tun, damit diese Aktivitäten auch auf das eigene Image einzahlen?

Frank Weber: Die Antwort wird vielleicht ein wenig verwundern: wenig, sehr wenig! Denn die von dir angeführten Maßnahmen sind gut, aber sie sind noch nicht der Beweis dafür, dass die Deutsche Bank eine wirklich nachhaltige Bank ist. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Um es einmal anmaßend zu formulieren: Wäre ich in der Verantwortung für ein solches Kreditinstitut, würde ich mein Haus zunächst mit Hochdruck strategisch neu aufstellen und es mit einem an ESG-Kriterien orientierten Geschäftsmodell ausstatten. Wie gesagt, das ist ein dickes Brett und hat auch viel mit der Etablierung eines neuen Mindsets und einem Kulturwandel zu tun. Wären mein Team und ich damit gut unterwegs, könnten wir anfangen, darüber zu sprechen. Denn nicht die Hochglanzworte prägen das Image, sondern die eingelösten Versprechen. Der gute alte PR-Spruch „Tue Gutes und rede darüber“ gehört in meinen Augen adjustiert: „Löse deine Versprechen nachweisbar ein, dann darfst du darüber reden!“

Tobias Bruse: Können wir davon ausgehen, dass die allgemein für die deutsche Wirtschaft erhobenen Zahlen, über die du eben sprachst, bei den Finanzdienstleistern wie Banken, Sparkassen oder Versicherungen nicht wirklich besser aussehen? Also dass die Bereitschaft mehr zu tun, als nur einen grünen Anstrich zu haben, eher gering ist? Da würde es ins Konzept passen, dass die US-Behörden im vergangenen Herbst wegen des Verdachts auf Greenwashing gegen den Fondsanbieter DWS ermittelt haben.

Frank Weber: Ob das nun richtig war oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Das Beispiel eignet sich aber hervorragend, um einige Mechanismen auf dem Weg zur Nachhaltigkeit zu erklären. Anfang 2020 hatte der Chef der Asset Management-Sparte der Deutschen Bank (DWS) ein sehr ehrgeiziges Ziel angekündigt: Er wollte sein Unternehmen zu einem weltweit führenden Anbieter von nachhaltigen Fonds und Finanzprodukten entwickeln. Als der Skandal im August 2021 hochkam, waren seit dieser fulminanten Ankündigung gerade einmal anderthalb Jahre vergangen. Wir sehen an diesem Beispiel sehr gut, dass es für den wirklichen Strategiewechsel und den Umbau eines Geschäftsmodells einer Bank, Sparkasse, Versicherung oder eines anderen Finanzinstituts viel mehr Zeit braucht als diese paar Monate. Wenn ein Unternehmen nachhaltig werden soll, dann ändern sich nicht nur die Prospekte, sondern vor allem die Werte und damit die Bewertungsmaßstäbe für das Geschäft. Das ist ein tiefgreifender Change-Prozess. Ein verdammt dickes Brett, das zu bohren auch viele Rückschläge bereithalten kann.

Wenn ein Unternehmen nachhaltig werden soll, dann ändern sich nicht nur die Prospekte, sondern vor allem die Werte und damit die Bewertungsmaßstäbe für das Geschäft.

Frank Weber

Tobias Bruse: Gleichwohl ein dringend notwendiger Change, denn die Nachfrage bei privaten und institutionellen Anlegern nach solchen ESG-Anlagelösungen steigt immer weiter an.

Frank Weber: Das stimmt, wobei wir ehrlicherweise noch abwarten müssen, bis zu welchem Punkt Investoren akzeptieren, dass eine ESG-konforme Anlage möglicherweise eine geringere Rendite hat als Investments in Unternehmen, die beispielsweise auf CO2-intensive Braunkohle setzen, Massenvernichtungswaffen herstellen oder ihre Einkünfte mit Alkoholika oder Tabakprodukten erzielen. Erste Studien dazu stimmen mich aber zuversichtlich. Inzwischen unterziehen gut 80 Prozent der institutionellen Anleger ESG-Aspekte der gleichen Prüfung wie operative und finanzielle Erwägungen. Es ist außerdem erfreulich zu sehen, dass immer mehr private Anleger ein Interesse an der Enkeltauglichkeit ihrer Anlageentscheidungen haben: Also nicht ein maximales Vermögen zu vererben, sondern das Geld so vermehren zu wollen, dass auch nachfolgenden Generationen noch ein lebenswerter Platz bleibt.

Ist Nachhaltigkeit für Banken Kosten- oder Wertschöpfungsfaktor?

Tobias Bruse: Hinzu kommt, dass laut einer europäischen Studie aus dem Jahr 2021 die Finanzinstitute, die das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen, überdurchschnittlich hohe Erträge erzielen. Wie ist das zu erklären?

Frank Weber: Als ich das im vergangenen Jahr las, sah ich mich in einer Kernannahme bestätigt: Natürlich haben ordentliche Kaufmänner und Kauffrauen die Kosten im Griff. Die erfolgreiche Zukunft eines Unternehmens liegt aber nicht in den eingesparten Milliarden. Das ist strategische Einfallslosigkeit. Es geht, wie zuvor schon erwähnt, um konzeptionelle und Umsetzungsstärke. Offensichtlich geht die Rechnung auf: Finanzdienstleister, die Nachhaltigkeit mit ihrer Strategie verknüpfen, tun das, um langfristig profitabel und wettbewerbsfähig zu bleiben und natürlich, um ihre Erträge zu steigern. Die eben erwähnten Studienergebnisse zeigen erste vorsichtige Bestätigungen – sehr erfreulich. Investitionen ins Geschäftsmodell zeigen langfristig immer die bessere Wirkung als Einsparungen. Es wäre zu kurz gesprungen, dieses Wissen bei den verantwortlichen Manager:innen nicht zu unterstellen. Einsparungen rentieren sich eben schneller als Investitionen. Der Umbau von Banken und Sparkassen in Richtung Nachhaltigkeit ist ein Projekt der Zukunftssicherung. Da müssen Share- und sonstige wichtige Stakeholder ein wenig Geduld mitbringen und nicht von Quartal zu Quartal schauen. Der CEO der Deutschen Bank als Vertreter des Großaktionärs der DWS hat das verstanden, als er sich vergangenen Herbst demonstrativ hinter das Unternehmen stellte.

Tobias Bruse: Wie zuversichtlich bist du, dass dieser Wandel gelingen wird?

Frank Weber: Wenn wir die Ernte nicht schon morgen erwarten, wird er gelingen. Gelingen müssen, denn einen Punkt haben wir noch nicht beleuchtet: Politik, Regulierer und Aufsicht haben das Thema seit geraumer Zeit für sich entdeckt. Beispielsweise führt die Europäische Zentralbank derzeit einen Klimastresstest für Europas systemrelevante Banken durch. Ein Richtlinienentwurf der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) schüttelte die deutsche Fondsbranche durch. Kern des Vorhabens war die schlichte Frage, welche Fondsprodukte wirklich als nachhaltig bezeichnet werden dürfen. Und damit sehen wir: Das wird alle Finanzdienstleister betreffen. Versicherungen, Asset Manager, Bausparkassen wie klassische Kreditinstitute eben auch.

25.02.2022

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Wandel zu Nachhaltigkeit muss die Mitarbeitenden mitnehmen

Tobias Bruse: Neben den privaten und institutionellen Kunden haben wir damit Politik, Regulierer und Aufsicht als weitere „Motivatoren“ für einen Wandel von Geschäftsmodellen zur Nachhaltigkeit. Was ist mit den Mitarbeiter:innen? 

Frank Weber: Sehr spannende Frage. Wie in jedem Change verteilt sich das gesamte Portfolio an Mitarbeitenden normalverteilt. Carl Friedrich Gauß lässt grüßen. Damit stehen den wenigen Nachhaltigkeitsjüngern, First-Movern und Opportunist:innen – die allesamt mitmachen – eine ungefähr gleich große Gruppe von „Untergrundkämpfer:innen“, offenen Gegner:innen und Emigrant:innen gegenüber. Diese behindern den Wandel. Das gilt auch für die im Change so wichtigen Führungskräfte. Im Kern muss es gelingen, den dicken Bauch in der Mitte der Normalverteilung, die Abwartenden und Gleichgültigen zu gewinnen. Denn ohne deren Aktivierung kann kein Change gelingen. Das aber ist das kleine und das große Einmaleins des Change Managements – und damit haben wir uns ja schon im fin.tank-Dossier über die Veränderungsfähigkeit beschäftigt.

Ich will aber noch einen weiteren Punkt aus der Perspektive der Mitarbeitenden anfügen. Per se gehören die Finanzdienstleister nicht zu den Unternehmen mit der besten Reputation. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Möglichkeiten, gute neue Mitarbeitende zu rekrutieren. In einer Zeit, die von Themen wie dem Klimawandel geprägt ist, in der die Neo-Ökologie zum Megatrend wurde und infolgedessen viele Menschen ihr eigenes Verhalten hinterfragen, ist die Ernsthaftigkeit einer ESG-Konformität von Strategie, Geschäftsmodell und täglich erlebbarem Geschäftshandeln eine harte Frage der Arbeitgeberattraktivität. Wohlgemerkt, für potenzielle aber auch für bereits im Unternehmen aktive Mitarbeitende. Im Gegensatz zu anderen Change-Vorhaben kann es sein, dass in diesem Fall die Abwartenden und Gleichgültigen schnell aufwachen und Forderungen stellen. Denn hier geht es um mehr als nur um den Unternehmenserfolg. Für viele geht es um das große Ganze.

Damit stehen den wenigen Nachhaltigkeitsjüngern, First-Movern und Opportunist:innen – die allesamt mitmachen – eine ungefähr gleich große Gruppe von „Untergrundkämpfer:innen“, offenen Gegner:innen und Emigrant:innen gegenüber. Diese behindern den Wandel.

Frank Weber

Tobias Bruse: Welche Rolle spielt Kommunikation in alldem?

Frank Weber: Eine sehr große! Können Change-Projekte ohne flankierende Kommunikation funktionieren? Nein! Aber, liebe CEOs da draußen: Schaut auf euer Verständnis von Kommunikation. Wenn wir hier davon sprechen, dann meinen wir nicht die klassische Information an die Mitarbeitenden. Wir meinen Dialog – verstanden als Möglichkeit für den zielgerichteten Austausch von Meinungen und Gefühlen. Nur das adressiert die Menschen im Unternehmen wirklich.

Zusammenfassung – Die vier zentralen Punkte dieses Dossiers:

  1. Nachhaltigkeit ist keine Last, sondern eine Chance für Finanzdienstleister, die Zukunft des Unternehmens zu gestalten, um langfristig profitabel und wettbewerbsfähig zu bleiben und damit natürlich Erträge zu generieren.
     
  2. Grüne Tünche ist Greenwashing und gehört bestraft. Nachhaltige Unternehmen haben eine entsprechende Strategie und ein passendes Geschäftsmodell sowie eine unterstützende Unternehmenskultur.
     
  3. Auf dem Weg dorthin ist das wahrscheinlich dickste Brett in der Unternehmensgeschichte zu bohren – wenn man es ernst meint! Alles steht auf dem Prüfstand – wir sprechen über einen wirklich tiefgreifenden Change.
     
  4. Davor haben sehr viele Menschen – über alle Hierarchieebenen hinweg – Angst. Deswegen wird es die Unterstützung von Menschen brauchen, die etwas von Change Management und Change Kommunikation verstehen und zugleich selbst zutiefst von der Notwendigkeit ESG-konformer Unternehmen überzeugt sind.

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