• Dossier

Kommunikation im Change:

Stumpfen wir ab?

Über Empathie, Distanz und die falsche Lektion aus der Restrukturierungswelle

Volkswagen. Porsche. Commerzbank. Bayer. Novartis. BioNTech. Bosch. Man könnte die Liste noch eine Weile fortsetzen. Und genau das ist das Problem.

Irgendwann, irgendwo zwischen der dritten Meldung über „strategische Neuausrichtung" und dem fünften Unternehmen, das seinen „Transformationsprozess konsequent vorantreibt", ist etwas passiert. Nicht dramatisch, nicht von einem Tag auf den anderen. Aber es ist passiert: Wir lesen diese Nachrichten anders als früher. Schneller. Distanzierter. Die Zahl der betroffenen Mitarbeitenden – 1.000, 5.000, 10.000 – löst keine Überraschung mehr aus. Sie ist nur noch eine Information. Und am nächsten Tag schon fast wieder vergessen.

Stumpfen wir – auch als Kommunikator:innen – langsam ab? Und hat das einen Einfluss auf unsere Arbeit? Die Antwort ist komplexer, als sie auf den ersten Blick wirkt.

Ja, wir gewöhnen uns dran. Das ist menschlich.

Habituation nennt die Psychologie das Phänomen, wenn wiederholte Reize schwächere Reaktionen auslösen. Es ist kein Charakterfehler, sondern ein Schutzmechanismus. Wer jeden Stellenabbau so verarbeiten würde wie die erste Entlassungsmeldung, die er je gelesen hat, wäre wahrscheinlich bald überfordert.

Das gilt für Journalist:innen, die über Veränderungsprozesse, wie eben Restrukturierungen, berichten. Für Investor:innen, die sie bewerten. Und es gilt – und das wird selten offen gesagt – für Kommunikationsverantwortliche und HR-Führungskräfte, die sie begleiten müssen. Menschen, die in den letzten zwei Jahren dutzendfach Trennungsgespräche geführt, Kommunikationskaskaden aufgesetzt und Betriebsversammlungen vorbereitet haben. Auch sie gewöhnen sich. Auch bei ihnen schleift sich etwas ein.

Also ja, wir stumpfen alle ein wenig ab. Doch hier kommt das aber und das, was wir in der Praxis oft beobachten. Ein Reflex setzt ein, dagegen ankämpfen zu wollen und zu müssen. Mehr Emotion, Sprache wärmer machen, Betroffenheit stärker betonen. Dieser Impuls ist verständlich, man will, dass die Betroffenen sich dennoch verstanden fühlen. 

Empathie allein ist kein Kommunikationskonzept

Hilft uns das in der Kommunikation weiter? Klares Nein. Mitarbeitende, die von Restrukturierungen betroffen sind, brauchen zweifellos das Gefühl, dass ihre Situation ernst genommen wird. Aber was sie mindestens genauso brauchen und was häufig im Impuls zur „Empathisierung“ untergeht, ist Orientierung und Klarheit. Sie brauchen vor allem verlässliche Information darüber, was mit ihnen passiert, wann sie mit welchen Entscheidungen rechnen können und was die nächsten Schritte sind. Denn, was nützen viele Floskeln zur Schwere der Entscheidung oder zur Dankbarkeit für die bisher erbrachte Leistung, wenn die betroffenen Mitarbeitenden mit großer Unsicherheit zurückbleiben.

Wer in der Transformation oder Krise ausschließlich oder einfach zu stark nur auf emotionale Ansprache setzt, gibt Betroffenen vielleicht das Gefühl, gesehen zu werden, aber er gibt ihnen keine Grundlage, um weiterzumachen. Beides muss zusammen funktionieren: das Menschliche und das Sachliche. 

 

Abstumpfung führt also nicht automatisch zu schlechter Kommunikation. Manchmal ist ein gewisses Maß an professioneller Distanz sogar Voraussetzung für gute Kommunikation.

Was Abstumpfung definitiv nicht bedeuten darf: der Fall Klarna

Nur, wo hat professionelle Distanz ihre Grenzen? Kürzlich machte eine Meldung die Runde: Der CMO von Klarna hat einen KI-Klon von sich selbst entwickelt, bei dem Mitarbeitende Dampf ablassen können. Nicht als Möglichkeit für die Mitarbeitenden, sondern für sich selbst. Denn, so sagte er selbst: "I just didn't want to hear the whining in the meetings anymore. So I said, call this number, get it out of the system. When we then meet, we focus on the future”.

Man mag das nachvollziehen können. Man mag es kreativ nennen. Man mag es als Experiment in Sachen interner Kommunikation verbuchen. Aber man sollte sich auch fragen, was diese Lösung eigentlich aussagt: dass unangenehme Gespräche, Reibung, Kritik – also genau das, woraus viele gute Ideen und Entscheidungen entstehen – an eine KI-Simulation ausgelagert werden. Dass der echte Diskurs ersetzt wird durch einen, der keine Konsequenzen hat. Und dass Mitarbeitende, die Frust haben, ihn zukünftig bei einer KI deponieren dürfen, statt gehört zu werden.

Hinzu kommt: Diese KI bleibt dann auch noch nicht nur immer freundlich, sie bittet auch konsequent um Verzeihung und nimmt die Schuld auf sich – tut der echte Chef jedoch nicht, schließlich ist es für ihn nur Gejammer.

Es gibt einen Unterschied zwischen professioneller Distanz und (emotionaler) Abwesenheit.

Distanz bedeutet: Ich kann trotz der Schwere der Situation klar denken und klar kommunizieren. Abwesenheit bedeutet: Ich habe aufgehört zuzuhören. Der KI-Klon ist kein Werkzeug für bessere Kommunikation. Er ist die Institutionalisierung der Abwesenheit. Und damit eindeutig ein Schritt zu weit und zu viel „Abstumpfung“. 

KI in der internen Kommunikation – aber richtig

Wir sollten deshalb KI in der internen Kommunikation nicht verteufeln. KI kann viel Sinnvolles leisten. Vor allem, wenn wir KI als Werkzeug nutzen, das echten Dialog vorbereitet und verbessert.

Ein digitaler Assistent, der Mitarbeitenden hilft, Ideen zu strukturieren, bevor sie in ein Führungsgespräch gehen, und Feedback gibt wie der echte Chef? Das kann Zeit sparen und Hemmungen abbauen. Simulationstools, die es ermöglichen, Kommunikationsstrategien intern zu testen, bevor sie ausgerollt werden? Das kann Fehler verhindern. KI, die Fragen aus der Belegschaft bündelt und für Führungskräfte aufbereitet? Das kann Prozesse effizienter machen.

Was KI nicht kann und nicht soll: den Raum ersetzen, in dem echte Meinungen entstehen. Gute Ideen entstehen im Diskurs. Vertrauen entsteht im echten Gespräch. Beides lässt sich nicht delegieren.

Die richtige Lektion

Was bleibt, wenn man all das zusammendenkt?

Komplette Abstumpfung, also das vollständige Wegbrechen von Empathie und Aufmerksamkeit, ist ein Problem. Aber die Forderung nach immer mehr emotionaler Intensität in solchen Transformationsprozessen ist keine Antwort darauf. Sie übersieht, dass professionelle Distanz kein Defizit ist, sondern eine Kompetenz.

Wer dutzende Restrukturierungsprozesse begleitet hat und dabei nicht handlungsunfähig geworden ist, hat gelernt, wie man mit Komplexität umgeht, ohne von ihr erdrückt zu werden. Wie man schwierige Botschaften klar kommuniziert, ohne kalt zu klingen. Wie man Betroffene ernst nimmt, ohne in performativer Betroffenheit zu verharren.

 

Das ist keine Abstumpfung. Das ist Haltung. Und genau diese Haltung braucht gute Change- sowie Krisenkommunikation.

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