Barrierefrei im Internet – die neue Norm

Hand aufs Herz: Was würden Sie ohne Internet machen? Oder: Wie würden Sie Ihre Suchanfrage „Können Pinguine fliegen?“ bei Google ohne Tastatur eintippen? Wie gratulieren Sie Freunden per WhatsApp zum Geburtstag, wenn der „Senden“-Button auf einmal verschwunden ist? Oder würden Sie jedes Mal schwarzfahren, weil plötzlich in der Bahn-App alles nur noch in arabischer Schrift auftaucht? 

Ganz ehrlich: Vermutlich wären Sie erst einmal verloren und überfordert. Vermutlich würden Sie relativ schnell die Flinte ins Korn werfen. Aber: Für fast acht Millionen Menschen in Deutschland ist das der Alltag. Sie leben mit einer Behinderung und für sie sind diese ganz alltäglichen – und immer häufiger auch digitalen – Aufgaben schwer oder gar nicht zu meistern. Weltweit sind es sogar 15 % der Weltbevölkerung – insgesamt über eine Milliarde Menschen. 

Übersetzt in die digitale Welt bedeutet das: digitale Abgeschnittenheit. Sie sind potenziell nicht in der Lage, digitale Anwendungen (Webseiten, Apps oder digitale Nutzeroberflächen) zu bedienen. Sofern diese nicht barrierefrei entwickelt wurden.

Für Unternehmen ein absoluter Grund zur Sorge! Warum?

  1. Weil der Zugang zu Informationen ein Menschenrecht ist – das haben die Vereinten Nationen 2016 beschlossen. In diesem Zuge sind Behörden und Unternehmen im öffentlichen Raum bereits dazu verpflichtet worden, bis zum 23. September 2020 alle bestehenden Webseiten barrierefrei zu gestalten. Mobile Webseiten müssen bis zum 23. Juni 2021 barrierefrei werden. 
  2. Weil Unternehmen Markt- und Kundenpotenziale verschwenden, wenn Sie Ihre Website nicht barrierefrei gestalten. 

 

Denn: Immer mehr Menschen vertrauen auf Online-Medien/-Kanäle, wenn Sie nach Informationen sucheni.

86 % der Deutschen nutzten 2019 das Internet auf der Suche nach Informationen bezüglich Waren und Dienstleistungen. 

Möchte man sich über ein Unternehmen und seine Produkte informieren, sind die Webseite oder der Onlineshop oft erster Anlaufpunkt. Online-Shopping ist zudem mittlerweile beliebter als das Einkaufen im Ladenii.

76 % der 14- bis 29-jährigen Deutschen kaufen bereits per Smartphone ein. 

Ebenfalls interessant: Menschen mit einer Behinderung nutzen das Internet laut einer "Aktion Mensch"-Studie überdurchschnittlich vieliii. Bei weltweit knapp einer Milliarde Menschen mit Behinderung ist das keine zu vernachlässigende Zahl. Für Unternehmen entsteht hier ein echter Handlungsdruck. 

Aber: Barrierefreiheit heißt nicht nur behindertengerecht.

Das Ziel von digitaler Barrierefreiheit ist es – ganz allgemein –, Wissen für alle zugänglich zu machen. Das heißt: Für möglichst alle Menschen (ob mit oder ohne Behinderung) Informationen online leicht auffindbar und verarbeitbar zu machen. Das zahlt sich aus unternehmerischer Sicht in mehrfacher Weise aus: Digitale Angebote, die barrierefrei entwickelt wurden, erhöhen die Reichweite und die Kundenzufriedenheit deutlich. Die Kundenbindung wird gestärkt, User kommen gerne wieder und das Unternehmen gewinnt einen deutlichen Vorsprung zum Wettbewerb. 

Ein weiterer Vorteil für Unternehmen: Man ist direkt für die Zukunft abgesichert, sollte die digitale Barrierefreiheit auch für alle Unternehmen Pflicht werden. Unabhängig von der wirtschaftlichen Seite, ist Barrierefreiheit auf dem Weg zu einer integrierten Gesellschaft eine absolut wünschenswerte Bestrebung. 

Wer hohe Mauern nicht abbaut, schadet sich selbst.

Dabei ist es so einfach: Schon mit ein paar Features kann man bei den eigenen digitalen Angeboten Hürden abbauen. In der digitalen Welt unterscheidet man zwischen vier Arten von Einschränkungen: 

 

  1. Sehbehinderung 
  2. motorische Behinderung 
  3. Gehörlosigkeit 
  4. kognitive Behinderung 

 

Einfache Lösungen für Menschen mit einer Sehbehinderung könnten sein: Die Möglichkeit einer Farbinvertierung, um Kontraste zu erhöhen. Ebenso wie die Option zu zoomen, die derzeit leider noch oftmals manuell verhindert wird. Auch Farbblindheit ist ein wichtiger Aspekt, der berücksichtigt werden sollte. Ein farbenblinder User wird bei dem folgenden Formular deutlich mehr Schwierigkeiten haben, zu erkennen, welche Felder korrekt ausgefüllt wurden. 

Menschen mit motorischen Einschränkungen haben mit anderen Hürden zu kämpfen. Eine Maus zu bedienen zum Beispiel, kann schon zu einem großen Hindernis werden. Was hilft: Eine Webseite, die alternativ über die Tastatur bedienbar ist. Auch die Größe der Buttons ist nicht nur beim Einsatz auf mobilen Endgeräten wichtig. Auf Desktop-Anwendungen sollten sie ebenfalls direkt als barrierefreies Element mitgedacht und integriert werden.

Barrierefreiheit heißt auch: verständlich kommunizieren.

Viele Unternehmen scheuen sich vor einfacher Sprache. Denn einfache Sprache lässt auf einen einfachen Geist zurückschließen, richtig? 

Falsch. Etwas einfach und klar auszudrücken, ist die kommunikative Königsdisziplin. Dazu zählt auch der strukturierte und übersichtliche Aufbau von Inhalten, der den User in möglichst wenigen Schritten zum Ziel führt. Das macht es ALLEN Besuchern der Webseite einfacher – nicht nur Menschen mit einer kognitiven Einschränkung. 

Wer einfach schreibt, wird schneller gefunden.

Zurück zum Ausgangsbeispiel: Sucht ein potenzieller Kunde bei Google „Welche Zahnpasta macht meine Zähne schön weiß?“ oder „Welches Kopfschmerzmittel hilft am besten?“, profitieren Unternehmen, die mit ihren Produkten in der Suche ganz oben erscheinen. Denn Menschen sind faul. Niemand weiß, was sich im Niemandsland ab Seite fünf der Suchmaschine abspielt. Viele – für das Google-Ranking extrem wichtige – Kriterien beim Ranking von Webcontent sind: TROMMELWIRBEL … die der Barrierefreiheit. 

Als Beispiel: Videocontent ist DER Trend im digitalen Zeitalter. Egal, wo man sich online bewegt, Bewegtbild springt einem förmlich entgegen. Das Problem dabei: Diese Inhalte findet man schlecht über Google, wenn nur das reine Video existiert. Daher sollten Informationen nicht ausschließlich über Töne übertragen werden. Wer die Inhalte transkribiert und gleichzeitig verfügbar macht, wird eher gefunden. Mit dem positiven Nebeneffekt, den Inhalt auch für Personen mit Höreinschränkungen zugänglich zu machen. 

Wer auf strukturierte, übersichtlich angeordnete und einfach verständliche Inhalte verzichtet, entscheidet sich gegen Barrierefreiheit, gegen Lesefreundlichkeit und damit gegen ein gutes Google-Ranking.

Wer das nicht nutzt, verschenkt Erfolgspotenziale.

Barrierefreies Internet heißt auf der einen Seite: Menschen mit Behinderungen teilhaben lassen. Es heißt auf der anderen Seite aber auch: Markt- und Kundenpotenziale erschließen. Barrierefreiheit im Internet sorgt bei Unternehmen für mehr Reichweite, mehr Kundenzufrieden und letztlich mehr Umsatz. Das Mindset sollte sich daher zu einem barrierefreien Denken – vor allem in der Webentwicklung – verändern. Aus einer sozialen und einer wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus. 

Leicht verständlich: Barrieren abbauen, heißt erfolgreicher sein. 

Nutzen Sie die Gelegenheit für unseren "Check-up Barrierefrei". Veränderungen sind oft gar nicht so schwierig in der Umsetzung – und eben nicht nur ‚nice to have‘. Barrierefreiheit ist die neue Norm. Keine lästige Aufgabe, sondern eine Möglichkeit, um wirtschaftliche Potenziale zu entfalten: Neue Kunden begeistern und generell Kunden-Zufriedenheit steigern.

Prof. Dr. Alexander Güttler – CEO komm.passion