Von der Personenwaage über Apples Health zum Biohacking

Quantified Self

 „Oftmals sich wiegen und danach leben, wird Dir lange Gesundheit geben.“ Der Satz markiert einen der frühen Punkte dessen, was man heute als Quantified Self-Bewegung bezeichnet, stammt aber aus Zeiten der Weimarer Republik. Schon damals wurden große gusseiserne Personenwaagen in den Berliner U-Bahnhöfen aufgestellt, denn Personenwaagen waren damals für die Allgemeinheit noch unerschwinglich teuer. Das Messen des eigenen Gewichts versprach Kontrolle über einen wichtigen Gesundheitsaspekt – und brachte den Aufstellern einen Groschen pro Person. (Quelle: B.Z.)

Auch heute ist die Dokumentation der Gesundheit ein gutes Geschäft: Hier entstehen neue Geschäftsfelder, in denen die alten und neuen Player der digitalen Wirtschaft die alten Player der Medizinbranche offen angreifen: „Wir werden gerade Augenzeuge, wie ein neuer Milliardenmarkt der digitalen Medizin entsteht, von dem Apple, Google und Co einen möglichst großen Teil haben wollen. Die Pharmabranche, die Medizintechnikkonzerne und nicht zuletzt die Ärzte müssen sich auf die Zerstörung ihrer traditionellen Geschäftsmodelle einstellen“ (Wirtschaftswoche 37/2014).

Quantified-Self, Fitness-Tracker, Wearables, Biohacking – an Buzzwords mangelt es nicht. Ein Blick in die Angebotsbeilagen der örtlichen Elektronikmärkte zeigt, dass die technische Selbstvermessung keineswegs mehr eine Randerscheinung unter computerbegeisterten Nerds ist. Fitnesstracker sind schon jetzt zum Modeaccessoire geworden und kartographiert wird alles, was vermeintlich Einfluss auf Körper und Wohlbefinden hat, von der Bewegung über das Essen bis hin zum Schlaf, entweder automatisch oder durch Selbsteingabe.

Das klingt erstmal nach einem etwas umfangreicheren Schrittzähler, eine Erfindung, für die Abraham-Louis Perrelet immerhin schon 1780 das Patent anmeldete, und der Grundgedanke ist durchaus identisch: Jeder kann etwas für seine Gesundheit tun und sich aus eigener Kraft selbst optimieren, wenn er weiß, wie es um seine Konstitution bestellt ist. Der Unterschied: Die heutigen Hightech-Hilfsmittel sind mit Elektronik vollgestopft, die dem Apollo Guidance Computer der ersten Mondlandung meilenweit überlegen sind.

Eine Art NSA fürs Wohlbefinden

Quantified Self, das ist der digitale Zusammenschluss aus antreibendem Personal Trainer und besorgter Mutti – und einem Grafiker, der jeden Erfolg mit hübsch gestalteten Badges – Orden, Pokalen und anderen Motivatoren – versüßt. Gamification, noch so ein Modewort, aber für den Erfolg der Fitnesstracker ist genau das von sehr großer Bedeutung. Mit dem Tracking bekommt die Arbeit an der Gesundheit eine extrinsische Motivation. Der Nutzer will nicht nur etwas für seine Gesundheit tun, er will auch und vor allem sein selbst gestecktes Tagesziel erreichen und etwas dafür bekommen. Und sei es ein nur aus wenigen Pixeln bestehender Pokal. Gesundheit ist langweilig, daher wird die Arbeit daran wie ein Spiel aufbereitet. Klingt unrealistisch? Mit der App mySugr tracken mittlerweile über 130.000 Diabetes-Patienten ihren Blutzuckerspiegel.

Es ist ehrlich, wenn wir nicht nur unser Essen bei Instagram dokumentieren, sondern unsere Waage auch ins WLAN eingebunden ist und die tägliche Veränderung der Pfunde postet (z.B. Withings, Fitbit). Auch früher hat man schon auf seine Ernährung geachtet, klar. Aber Anfang 2015 soll mit Vessyl ein Becher auf den Markt kommen, der die enthaltenen Flüssigkeiten automatisch analysiert und dokumentiert. Wenn das Blog das Internettagebuch ist, dann ist Quantified Self die persönliche NSA. Durch die Vernetzung ist der Bereich Quantified Self auch einer der Vorreiter des vielgepriesenen Internets der Dinge.

Quantified Self: Die ständige Intensivstation

Der Vergleich zur NSA lohnt, denn erst die Verknüpfung der Metadaten sorgt für ein korrektes Profiling. Mit Health hat Apple nun genau so eine Meta-App vorgestellt, die Schnittstellen freigibt, um Daten verschiedenster Apps zu sammeln und zu verknüpfen. In einem einzigen Dashboard laufen alle gesundheitsrelevanten Daten auf, die der Nutzer sammelt, von der Bewegung über die Ernährung bis hin zum Puls und Blutzuckerspielgel. Nicht nur Fitness ist das Ziel, sondern der gläserne Patient, der auf einen Blick Blutzuckerspiegel und Ernährung gegenüberstellen kann. Die Frage, wie es geht, könne der Health-Nutzer nun exakt beantworten, verspricht Apple. In schicken Grafiken sieht der User, wie es um seine Gesundheit steht – und wo er sich optimieren kann.

Das ist informativ und nett, doch welche Auswirkungen wird Health auf die Medizin haben? Je genauer die Daten werden – und vor allem Fitness-Tracker sind aktuell immer noch leidlich ungenaues Gesundheitsspielzeug mit wenig Aussagekraft – desto mehr werden sich Mediziner hierfür interessieren. Warum einmal in der Arztpraxis den Blutdruck messen, wenn der Patient eine lückenlose Übersicht über die letzten Monate mitbringt? Das kann die Beziehung zwischen Arzt und Patient auf eine neue Stufe bringen, doch Mediziner werden lernen müssen, mit dem Information Overkill der mündigen und selbstbewussten Patienten umzugehen.

Gerüchte besagen, dass Apple mit dem Thema Gesundheit noch viel mehr vorhat und mit den großen Anbietern zumindest im US-Gesundheitsmarkt in direktem Kontakt steht. Ziel ist die Live-Überwachung der Nutzerdaten – und ein Eingriff, wenn sie von der Norm abweichen. Einfache Szenarien gehen von gepushten Handlungsempfehlungen für den Nutzer aus, doch wie lange wird es dauern, bis Health Patienten und Kliniken direkt miteinander verknüpft? Aus dem professionellen Medizintechnikbereich kennt man telemedizinische Anwendungen wie beispielsweise EKGs. Durch die Verlängerung in den Bereich der allgemein verfügbaren technischen Endgeräte bekommen wir eine Intensivstation für die gesamte Welt – wenn sie bereit ist, dafür zu bezahlen.

Individualmedizin als Service

Nicht nur die Kliniken sind gefragt, sondern alle Player des Gesundheitsmarktes. Auch mit Versicherungen soll Apple schon Kontakt aufgenommen haben. Bekommen wir bald individuelle Verträge, in denen gesundheitsfördernde Maßnahmen belohnt und umgekehrt z.B. fehlende Bewegung finanziell sanktioniert wird?

Sobald nicht mehr nur die Gesundheit – Health – im Mittelpunkt steht, sondern auch die Krankheit, bekommt das Quantified Self auch eine große Relevanz für Pharmaunternehmen. Die technischen Helfer bieten das Potential, um sich von den Mitbewerbern abzugrenzen und dem Patienten einen Mehrwert zu bieten, der wirklich auf die Gesundheit einzahlt. Ein einfaches Beispiel: Werden im Dashboard auch die eingenommen Medikamente erfasst, haben Ärzte und Apotheker viel besser im Blick, ob die Gefahr von Wechselwirkungen droht – speziell im Bereich der Multimedikation eine wichtige Hilfe für Patienten und Mediziner.

Die große Zukunftsvision ist die an den Patienten angepasste Individualmedizin, bei der die Therapie speziell auf den Patienten zugeschnitten wird. Das Kontrollnetz wird engmaschiger und die Therapie damit feiner und besser. Pharmaunternehmen, Kliniken und Technikproduzenten müssen dafür eng miteinander arbeiten, aber dann können über die technische Entwicklung neue Impulse für die Therapie gegeben werden. Dafür fehlen noch sehr viele Parameter, aber mit einem Blick auf die Entwicklung der Wearables ist das wohl nur eine Frage der Zeit.

Es ist paradox, aber gerade durch die Entwicklung zu einer technisierten Medizin, die den Einzelnen anhand seiner Parameter erfasst und bewertet, rückt der einzelne Patient trotz Kostenminimierung wieder in den Vordergrund. Es ist die nächste große Aufgabe der Medizinkommunikation, den Patienten abzuholen und als mündigen Patienten zu unterstützen.

Nützliche Informationen zur Integration anbieten – oder nicht beachtet werden

Der Nutzen einer eigenen Gesundheitsapp von Unternehmen steht und fällt schon bald mit der Integration in die großen Meta-Apps. Was keine Informationen beizutragen hat, wird vom Nutzer im Zweifelsfall nicht installiert. Schon jetzt besagen Schätzungen, dass es 100.000 Gesundheitsapps in den App-Stores gibt und jeden Monat ca. 1.000 dazukommen. Will man sich hier hervortun, muss man eine Anwendung nicht mehr nur konsequent vermarkten, sondern einen Mehrwert bieten. Apps werden nicht mehr eigenständig funktionieren, sondern sie müssen die Programme, die die Menschen nutzen, mit weiteren Informationen „füttern“. Jede Information, die wir einspeisen und dem User zur Verfügung stellen, verbessert seine eigene Analyse. Gesundheitsunternehmen können in einem nie dagewesenen Maße in die erste Reihe der Systemapps aufsteigen – wenn sie etwas beitragen wollen. Die Schnittstellen wurden von Apple mit dem so genannten HealthKit jedenfalls bereits freigegeben.

Das bereitwillige Teilen von Informationen mit Apple, Google & Co ist der eine Weg, die Kooperation mit anderen Playern ein weiterer. Unternehmen müssen sich nicht mehr nur noch fragen, welche Vorteile ihre Produkte ihren Kunden bringen. Die wichtigere Frage lautet: Welche Unternehmen haben einen Vorteil, dass ein Produkt einem Kunden einen Vorteil bringt – und wie können beide Unternehmen diesen Vorteil maximieren?

Biohacking: Die Daten ganz natürlich da messen, wo sie entstehen

Aktuell steht unser Quantified Self noch ganz am Anfang. Die nächste oder übernächste Generation von Wearables wird vielleicht noch ähnlich funktionieren, aber langfristig gehen die Messgeräte unter die Haut. Das ist zumindest die Vorstellung von Biohackern, die den Menschen zumindest teilweise auf dem Weg zum Cyborg sehen.

Um über Biohacking zu sprechen, müssen wir noch früher ansetzen: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Am 6. Tag schuf Gott den Menschen und tags darauf ruhte Gott. Das gab dem Menschen Gelegenheit, sich selbst mal genauer anzuschauen und festzustellen: Schon irgendwie nicht schlecht gelöst, aber mit enormen Verbesserungspotential. Und dann lötete der Mensch selber und programmierte und baute ein paar Funktionen nach, die bei der Schöpfung an einem einzigen Tag wohl vergessen wurden, z.B. Implantate, die Blutwerte messen können. Und der Mensch sah an, was er gemacht hatte; und es war sehr gut.

Ein Blick auf die Medizin der Zukunft

Angesiedelt an der Grenze zwischen Geektum und Kunst machen die meisten Mediziner noch einen weiten Bogen um diese Szene. Biohacker nehmen das Heft daher selbst in die Hand bzw. den Chip und das Messer, um gefühlte Defizite auszugleichen oder neue Funktionen nachzurüsten – mit manchmal verrückten, aber vor allem faszinierenden Ideen und einem Blick auf die Medizin der Zukunft.

Das Leben als Cyborg ist heute noch etwas für Freaks, für Anhänger der DIY-Bewegung (Do It Yourself) mit der Vision, die empfundene Beschränktheit des Körpers zu überwinden. Doch der Sprung vom alltäglichen Herzschrittmacher zum Implantat, das Blutwerte misst, ist nicht so weit, wie er erscheint. Und auch die großen Medizin- und Technikunternehmen mischen hier bereits mit: Google hat gemeinsam mit Novartis beispielsweise schon jetzt eine Kontaktlinse vorgestellt, die den Blutzuckerwert messen kann.

Live-Messung von Vitaldaten – direkt unter der Haut

„Circadia“, hergestellt von Grindhouse Wetware, einer Gruppe von Biohackern, geht einen Schritt weiter und hat einen Prototyp für einen implantierbaren Chip präsentiert, der Blutwerte messen und sie über Bluetooth z.B. an ein Smartphone übertragen kann. Damit erfährt der Träger viel über sich selbst, aber wie würde eine Gesellschaft aussehen, in der Menschen dieses Implantat tragen?

Nehmen wir die positive Vision, wie sie z.B. von Shari Langemak von Medscape Deutschland bei der re:publica in diesem Jahr vorgetragen wurde: Schon bevor ein Patient sich unwohl fühlt, schon bevor er überhaupt auf die Idee kommen würde, dass etwas nicht mit ihm stimmt, bekommt er einen Anruf von seinem Arzt, der ihm den Besuch einiger Rettungssanitäter in Aussicht stellt. Denn das Implantat in seinem Körper hat einen erhöhten Wert eines Indikators gemessen, der auf einen Herzinfarkt hinweist. Noch bevor der Patient die entsprechenden Symptome verspürt, ist Hilfe auf dem Weg – bei einem Notfall, bei dem jede Sekunde zählt, ein wertvoller Zeitvorsprung.

Das Ziel ist es, Notfälle gar nicht mehr entstehen zu lassen. Und das gilt nicht nur für den beschriebenen Herzinfarkt, sondern für praktisch alle Krankheiten. Gesundheit vs. Überwachung? Das muss in der Tat jeder für sich selbst klären. Fest steht: Wir befinden uns noch ganz am Anfang einer Reise, die von der Personenwaage zur totalen Überwachung aller Körperwerte führt.

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Stefan Freundlieb • komm.passion GmbH
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