komm.passion Dossier 01/2014

Lebensstilmedizin

Patienten mit chronischen Entzündungserkrankungen sind eine wichtige Zielgruppe für pharmazeutische und medizintechnische Unternehmen. Denn Angebote für einen ganzheitlichen Therapieansatz bieten enormes Potenzial, Patienten, Angehörigen und Ärzten einen Mehrwert zu verschaffen. Die noch junge medizinische Fachrichtung der Psychoneuroimmunologie untersucht und belegt die wechselseitigen Abhängigkeiten von Psyche, Nerven-, Hormon- und Immunsystem. Mit diesen Erkenntnissen können sich Unternehmen als unverzichtbarer Sparrings-Partner positionieren.

Der Homo sapiens ist chronisch krank

In der Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens haben Emotionen als wichtiges Wertungs- und Warnsystem lange Zeit geholfen, Situationen für das Überleben richtig einzuschätzen. Heute ist die Gefahrenquelle nicht mehr der Säbelzahntiger, sondern von durch Stress ausgelöste chronische Entzündungserkrankungen. Rund 70 Prozent der Krankheitskosten in Industriestaaten entfallen inzwischen auf die Behandlung von chronischen Entzündungserkrankungen wie z. B. Autoimmunkrankheiten, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. Als chronisch krank gilt, wer mindestens ein Jahr lang wegen derselben Krankheit ein oder mehrmals pro Quartal ärztlich behandelt wird. Alleine in Deutschland betrifft das nach Angaben der gesetzlichen Krankenkassen mehr als zehn Millionen Menschen.

Dualismus von Leib und Seele

Da chronische Erkrankungen kein Monoorgan-Problem sind, kann die Medizin sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie von einem ganzheitlichen Ansatz enorm profitieren. Der Dualismus von Leib und Seele, den der Philosoph René Descartes begründete, bestimmte in den letzten 400 Jahre die Medizin. Schulmediziner glaubten, dass Krankheiten allein auf stofflicher Ebene entstehen und mit der Psyche nichts zu tun haben. Besonders die chronischen Entzündungserkrankungen, als Folge von psychosozialen Belastungen, sind in den Fokus der psychoneuroimmunologischen Forschung gerückt. Die Arbeitsgruppe "Psychoneuroimmunologie der multiple Sklerose (MS)" an der Neurologischen Klinik der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf untersucht neuropsychiatrische Symptome bei MS und deren Einfluss auf den Krankheitsverlauf. So finden Projekte zum besseren Erfassen vom Fatigue-Syndrom (Erschöpfungs-Syndrom) und zu Mechanismen der Depression statt. Zudem entwickeln die Forscher ein Online-Fatigue-Managementprogramm. An der Universität Gießen und Marburg erforscht Eva Peters, die das Psychoneuroimmunologie-Labor leitet, die direkten Auswirkungen psychischer Belastung auf das Abwehrsystem und die Haut. Einen ganz neuen Ansatz erforschen die Wissenschaftler an der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie Innsbruck. Mithilfe sogenannter integrativer Einzelfallstudien analysieren sie, inwieweit körpertherapeutische Maßnahmen (energetisches Heilen, Gymnastik, Jin Shin Jyutsu, Tai Chi) die Konzentration von Entzündungsmarker innerhalb eines bestimmten Zeitintervalls senken. 

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Gesundheitscoaching per Telefon  

Eine wichtige Methode bei psychischen Störungen infolge einer Krankheit ist die kognitive Umstrukturierung. Mittels Verhaltenstherapie werden negative Gedanken und Verhaltensweisen, die in Zusammenhang mit der Erkrankung stehen, etwas Positives entgegengesetzt. Die Selbstheilungskräfte werden, z.B. durch Meditation, gezielt unterstützt und Heilblockaden durch Sport, gesunde Ernährung und Entspannungsübungen gelöst. Darüber hinaus sind soziale Beziehungen entscheidend für die Heilung.   Der Nutzen und die Instrumente des ganzheitlichen Ansatzes kann in der Gesundheitswirtschaft im Rahmen von Gesundheitstrainings/-coaches oder Stressmanagement angeboten werden. Die Effektivität eines Gesundheitscoaches untersuchte die Techniker Krankenkasse zusammen mit der Freien Universität Berlin und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Das Projekt soll Patienten helfen, mit ihrer Krankheit besser umzugehen und damit die Arbeit der Ärzte zu ergänzen. Dabei riefen Gesundheitstrainer alle zwei Wochen bei den Patienten an und sprachen mit ihnen in der Regel eine halbe Stunde lang über die Themen Bewegung, Ernährung, Ein­nahme von Medikamenten sowie Selbstmanagement. Die Patienten hätten dabei gemeinsam mit den Coaches individuelle Ziele vereinbart. Die beiden Studien stellten die Coachingteilnehmer einer Kontrollgruppe gegenüber. Dabei prüfte die Berliner Studie, wie die Patienten selbst ihren Gesundheitszustand einschätzten. Das Ergebnis war nach fünf Monaten Coaching durchweg positiv, wobei vor allem Patienten mit koronaren Herzkrankheiten mehr Zufriedenheit mit ihrem Gesundheitszustand zeigten als Patienten ohne Coaching. Da sich die Ergebnisse von Coaching- und Kontrollgruppe einige Zeit nach dem Ende des Telefontrainings angeglichen haben, muss noch sichergestellt werden, wie das Coaching nachhaltig wirken kann. Die Hamburger Studie errechnete Einsparungen für die Kasse von 90 Euro pro Patient durch das Coaching (Zeitraum fünf Monate). Um größere Effekte zu sehen, ist eine weitere Evaluation nach zwei Jahren geplant. Für das Projekt hat die TK nach eigenen Angaben 16 Trainer engagiert, die sich pro Jahr um gut 5000 Patienten kümmern. Rund eine Million Euro gibt die Kasse dafür im Jahr aus.

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„Patient Centricity“: Patientenkompetenz und Lebensstilmedizin  

In Anbetracht der Patientenbindung können sich pharmazeutische und medizintechnische Unternehmen mit ihrem Know-How als unverzichtbarer Sparrings-Partner beim Umgang mit Stress positionieren. Als Voraussetzung hierfür sind Neutralität und Transparenz ebenso wichtig, wie ein Schulterschluss aller Akteure im Gesundheitssystem. Die Zukunftsvision kann eine vertraglich geregelte gemeinsame Patientenberatung durch Ärzteschaft, pharmazeutische und medizintechnische Industrie sowie Krankenkassen als „Win-Win“-Situation sein. Die Chance besteht darin, sich zu einem umfassenden Versorgungsdienstleister zu entwickeln. Dabei bleiben qualitativ hochwertige Arzneimittel oder medizintechnische Geräte für die Anwendung im Alltag die Kernleistung. Hinzu kommt eine Angebotspalette, die sich im Sinne eines Gesundheitscoachings ganz auf die Bedürfnisse der Patienten ausrichtet. Ziel ist es, eine optimierte Compliance durch eine bessere Krankheitswahrnehmung, ein optimiertes Krankheitsmanagement sowie eine Verbesserung der Krankheitssymptomatik zu erreichen. Die Basis dafür ist die Patientenkompetenz durch Informationen in Form von Broschüren, Websites oder telefonischer Beratung zu stärken. Darauf aufbauend können Service-Programme die Bedürfnisse des Einzelnen abdecken. Zum Beispiel in Form von Patienten-Trainings, Patienten-Botschaftern und Leitfäden für ein effektives Arztgespräch. Aber auch Forschungsprogramme, um ganzheitliche Behandlung langfristig zu implementieren, und die Vernetzung mit Psychologen, Psychiatern, Physiotherapeuten, Ernährungsberatern und Trainern tragen dazu bei. Der richtige Umgang mit Arzneimitteln ist ebenso ein wichtiger Baustein in einer Indikation, in der die Compliance einen besonders hohen Stellenwert hat, und sollte individuell unterstützt werden.

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