komm.passion Dossier 03/2014

Generation Warum und die Suche nach dem Sinn

Sie gilt als fordernd, divenhaft und verwöhnt. Aber auch als begabt, leistungsfähig und hervorragend ausgebildet. Sie scheint sich vorgenommen zu haben, die Arbeitswelt auf den Kopf zu stellen: die sogenannte „Generation Y“. komm.passion hat in den letzten Monaten Meinungen und Erfahrungen dieser so kontrovers diskutierten Geburtskohorte gesammelt – und dabei eine Generation kennengelernt, die irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, Sinn und Sicherheit, Burnout und Bausparvertrag nach Wegen sucht, Beruf und Berufung miteinander zu verbinden.          

I.        Y steht für „Warum“

Zugegeben, bei den trommelfeuerartig neu auftauchenden Generations-Etiketten gehen Überblick und Bedeutungsschwere schnell verloren: Generation Praktikum, Generation Facebook, Generation Golf, Generation Doof, Generation YOLO, Generation Flappy Bird, Generation was auch immer.  Schublade auf, „die jungen Leute heutzutage“ rein, Schublade zu. Aber: Die Menschen hinter dem Begriff der Generation Y haben es verdient, ernst genommen zu werden. Denn dahinter steht weniger eine schnelllebige Plakette, als eine soziologische Realität, die in der Forschung bereits in den Neunzigern benannt und weitestgehend prophezeit wurde. Die Generation Y ist echt. Sie besteht mutmaßlich aus Menschen, die zwischen 1980 und 2000 geboren, wohlbehütet im Wohlstand einer Industrienation aufgewachsen sind und vor allem von ihrem hohen Bedürfnis nach Selbstverwirklichung angetrieben werden. Die Spitze der maslowschen Bedürfnispyramide in Menschengestalt, wenn man so will. Sie folgen damit auf die mitunter entfremdete, aber konsumsüchtige „Generation X“ (heute 35 bis 48 Jahre alt) und die fleißigen „Babyboomer“ (heute 49 bis 65 Jahre alt), für die Erhalt und Ausbau des sozialen Status oberste Priorität ist und war (Rheinische Post: „Generation Y verändert die Unternehmen“, 13.04.2013). Das im Markennamen verwendete „Y“ steht dabei – in Anlehnung an die englischsprachige Phonetik des Buchstabens – für „Warum“. Generation „Warum“ also. Die Suche nach dem Sinn ist aber nur eine der durchaus ambivalenten Merkmale und Besonderheiten, die der „Generation Y“ zugerechnet oder angeschrieben werden.      

II.        Generation der Widersprüche

Die FAZ nennt sie „jung, gebildet, arbeitsscheu“ , DIE ZEIT betitelt sie als „Weicheier“ und DER SPIEGEL kürt sie zum „Gewinner des Arbeitsmarktes“, auch wenn ihre Vertreter Ansprüche wie eine „Diva beim Dorftanztee“ anmeldeten. Auch in Büchern wird das Thema bereits behandelt. So ist die Autorin Kerstin Bunds („Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen“) davon überzeugt, dass die Generation Y die Berufswelt positiv verändern wird.

Generell zeichnet die Berichterstattung zur Generation Y Bilder, die sich vor allem in einem einig sind: ihrer Widersprüchlichkeit darüber, was die jungen Menschen denn nun wollen oder nicht wollen – besonders in Verbindung mit ihrem Beruf. Die reine Medienbeobachtung klingt zusammengefasst ungefähr so: Eine steile Karriere soll es sein, aber nicht um den Preis totaler Selbstaufgabe. Eigenverantwortung gehört ins Jobprofil, Überforderung hingegen nicht. International muss die Arbeit sein, aus Sprockhövel wegzuziehen ist aber keine Option. Höhe des Gehalts und Statussymbole wie „dicke Dienstwagen“ sind sekundär. Die Rente muss trotzdem sicher sein und das Salär für den Bausparvertrag ausreichen. Ab und zu muss auch mal eine Weltreise drin sein – allein mit der Spiegelreflexkamera und dem Smartphone.   Wir verlassen die Überspitzung wieder und fassen zusammen: Die Generation Y gibt Rätsel auf. Nicht nur sich selbst, sondern vor allem den Menschen, die mit ihr arbeiten müssen: Unternehmen und ihren Personalern.       

III.        Die  Generation Y im Mitschnitt

Die folgende Auswahl der Zitate aus den in den letzten Monaten geführten Interviews, soll dabei helfen – auch über die gängigen Klischees hinaus – das Innenleben der Generation Y ein Stück besser kennenzulernen. Auch wenn – das sei vorab gesagt – sich erstaunlich viele der gängigen Vorurteile wiederfinden. Mit dem Unterschied jedoch, dass die Generation nicht nur Lust auf die Zukunft hat, sondern sich auch durchaus vor ihr fürchtet.   

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„Ich will eine Aufgabe, die mich fordert und in der ich einen Sinn sehe. Ich brauche einen ‚Good Cause to Work for‘. Ich möchte etwas schaffen, auf das ich später stolz sein kann – das Geld spielt dabei keine Rolle“.
-Malte (20), Student  

Wiederkehrende Beobachtung 1: Sinn statt Status

Mit schmissigen Dienstwagen oder anderen, im weitesten Sinne materiellen Incentives ist zumindest ein Großteil der Generation Y kaum zu ködern. Etwaige Statussymbole à la „mein Haus, mein Auto, mein Boot“ spielen, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle. Nutzen statt Besitzen ist übergreifender Trend und Devise gleichermaßen. Was nicht ständig gebraucht wird, leihen viele über soziale Netzwerke. Carsharing oder Couchsurfing sind Beispiele dafür.    

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„Heutzutage stehen uns alle Möglichkeiten offen. Dann möchte man natürlich die Chance nutzen etwas von der Welt zu sehen, also viel zu reisen. Außerdem macht sich das immer gut im Lebenslauf.“
-Viviane (19), Abiturientin  

Wiederkehrende Beobachtung 2: In der Welt zu Hause 

Aufgewachsen als „digital natives“ leben viele Vertreter der Generation Y schon lange über Ländergrenzen hinweg – verbunden mit der ganzen Welt über das Internet. Aber nicht nur das Internet, sondern vor allem günstige Flugreisen sorgen dafür, dass die Generation Y schon früh Auslands- und Spracherfahrungen sammelt. Besonders beliebt: Australien, Neuseeland und Israel.    

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„Eine Kita am Arbeitsplatz wäre hilfreich! Dann könnte ich meinen Sohn mit zur Arbeit nehmen und eher wieder anfangen zu arbeiten“.
-Nora (27), Mutter eines 2-Jährigen  

Wiederkehrende Beobachtung 3: Kind trotz Karriere

Die Damen der Generation Y halten wenig von traditioneller Rollenverteilung. Sie sehen keinen Widerspruch zwischen Kind und Karriere und verlangen Solidarität und Verständnis von ihren Arbeitgebern – sei es beruflich oder familiär.  

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„Ich will eine entspannte Arbeitsatmosphäre mit Kollegen, die sich gegenseitig ergänzen und nicht untereinander konkurrieren.“
-Maryonne (28), Designerin  

Wiederkehrende Beobachtung 4: Entfaltung statt Ellenbogen  

In der Gruppe zusammenarbeiten, sich ergänzen und nicht gegenseitig verdrängen. Junge Berufstätige erkennen die Chancen und Vorteile von Teamwork und sind lieber Teil des Gesamterfolgs als erfolgreicher Einzelkämpfer. Nebeneffekt: Der Wille zur Macht, also die Bereitschaft Führungsaufgaben zu übernehmen, fällt gegenüber vorangegangenen Generationen deutlich ab.  

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„Ich wünsche mir von meinem späteren Chef Coachings und Briefings, die mir erlauben, dass ich beim Arbeiten auch eigene Ideen beisteuern kann“.
-Luisa (22), Studentin  

Wiederkehrende Beobachtung 5: Briefings statt Befehle  

Einen Auftrag stupide auszuführen reicht vor allen denen nicht, die sich für kreativ halten. Mit ihren vielen Ideen wollen sie gestalten und nicht nur abarbeiten. Motivationsentscheidend ist vor allem die Kommunikation zwischen Chef und Mitarbeitern: Flache Hierarchien stehen dabei hoch im Kurs.  

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„Ich wäre bei meiner Arbeitszeit gern flexibler und würde gern stärker selbst bestimmen, wann und wo ich arbeite.“
-Pascal (25), Bürokaufmann  

Wiederkehrende Beobachtung 6: Selbstbestimmung

Ein Großteil der Generation bevorzugt flexible Arbeitszeiten gegenüber den klassischen Arbeitszeiten „from 9 to 5“. Die Generation Y will selbst bestimmen, wann und wo sie arbeitet. Ob zu Hause, im Café oder sonst wo.    

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„Warum sollte ich zur Arbeit gehen, wenn es gerade hell wird und wiederkommen, wenn es dunkel ist? Dann habe ich doch nichts mehr vom Leben“.
-Alexander (25), Student  

Wiederkehrende Beobachtung 7: Im Gleichgewicht  

Der kritische Blick der Generation Y richtet sich vor allem auf die Work-Life-Balance, also das Gleichgewicht zwischen Leben und Arbeiten. „Etwas zu erleben“ und darüber erzählen zu können ist wichtiger als je zuvor. Eine Rolle spielen dabei, soziale Netzwerke als dauerbeleuchtete Schaufenster, in denen das eigene Leben präsentiert wird. Die Währung der Generation Y heißt Aufmerksamkeit.    

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„Die Unternehmen wollen mich, und nicht anders herum.“
-Christa (26), Ingenieurin  

Wiederkehrende Beobachtung 8: Selbstbewusstsein

Dass allein schon der demografische Wandel ihre Jobchancen steigert, ist der Generation Y völlig klar. Viele wollen aber so gar kein Risiko eingehen, studieren, erlangen mehrere akademische Grade, absolvieren Auslandsaufenthalte und Praktika. Mit dem Ergebnis, dass viele ihren Marktwert überschätzen und (für Berufseinsteiger) teilweise überspitzte Forderungen an Arbeitgeber stellen.   

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„Es reicht mir nicht, einmal im Jahr eine Rückmeldung von meinem Chef zu bekommen. Ich möchte schließlich wissen, ob meine Arbeit gut ankommt.“
-Christoph (23), Mediengestalter  

Wiederkehrende Beobachtung 9: Feedbacksucht

Die Generation Y hat sich durch die selbstverständliche Verwendung von Instant Messaging wie ICQ, Skype oder Whatsapp an blitzartige und beständige Rückmeldungen gewöhnt. Sie erhalten über soziale Netzwerke wie Facebook permantes Feedback zu allem, was sie tun. Dieses Bedürfnis nach Rückmeldung und Selbstbestätigung überträgt sich auch in ihr Berufsleben.      

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„Selbstverwirklichung ist wichtig, klar. Aber jeder muss schauen, dass er vorsorgt. Man kriegt ja nichts geschenkt und die Zeiten können sich so schnell ändern“.
-Christian (31), Unternehmensberater  

Wiederkehrende Beobachtung 10: Die Suche nach Sicherheit

Auch wenn persönliche Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten immer wieder als Charakterzug der Generation Y deutlich werden: Eine grundsätzliche Verunsicherung über die eigene Zukunft und die Welt tragen so gut wie alle „Y-er“ mit sich herum – und geben das fast flächendeckend auch zu.        

IV.        Zusammenfassung: Positiv denken

Wir fassen zusammen: Auch wenn der direkte Dialog mit der so genannten Generation Y bemerkenswert viele der zuvor bekannten Vorurteile bestätigt und sogar verstärkt hat, greift man zu kurz, wenn man die aktuellen Erstsemester der Berufswelt auf die hohen Ansprüche reduziert, die sie an zukünftige Arbeitgeber richten. Die Generation Y besteht keineswegs (komplett) aus selbstverliebten Faulpelzen, die nichts im Sinn haben außer ihrem eigenen Wohlbefinden.

Ein tieferer Blick, wie hier in Ansätzen geschildert, zeichnet ein anderes Bild. Und bildet eine Generation ab, die durchaus zu Leistung und einem hohen Maß an Engagement bereit ist – wenn sich denn die eigenen Werte mit den Werten des Arbeitgebers decken und das eigene Tun als sinnvoll erlebt wird.

Sinnstiften als Führungsaufgabe verstehen und entsprechend kommunizieren sind Erfolgsfaktoren im Kampf um die vielversprechenden „Generation-Y-Talente“. Das sieht auch Thomas Lüdeke, Geschäftsführer der PRCC Personalberatung und Gründer des PR Career Centers in Düsseldorf, so: „Als Personalberater erlebe ich oft, dass junge Menschen über fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit klagen“, berichtet Lüdeke. „Das ist ein klassisches Führungsproblem, das noch viel zu häufig ausgeprägt und überhaupt nicht nötig ist.“ Früher, so Lüdeke, sei es noch „cool gewesen, zehn Stunden am Tag zu arbeiten. Heute ist es wichtiger, einen Sinn in seiner Arbeit zu sehen und wertgeschätzt zu werden“.

Sinn ist also Trumpf. Und genau hier stehen viele Personaler und HR-Abteilungen vor Fragezeichen und einer kommunikativen Herausforderung. Denn ihnen fällt es schlichtweg schwer, das eigene Arbeitgeberprofil mit geeigneten Botschaften, auf geeigneten Kanälen und in der geeigneten Tonalität an die Generation zu bringen. Wenn man die vielversprechenden Talente einmal ergattert hat, fangen die Probleme streng genommen erst an. Schließlich muss man nun die unkonventionell denkenden Neuen unter den bereits Etablierten integrieren und eine gemeinsame Basis für Kultur schaffen, in der die Generationen nicht gegen-, sondern miteinander arbeiten.

Kommunikation kann hier der Schlüssel sein. Das gilt nicht nur für das Recruiting und so praktische Fragestellungen wie „Auf welchen Kanälen erreichen wir mit welchen Inhalten die Zielgruppe Generation Y?“, sondern darüber hinaus für ein übergreifendes Employer Branding und der strategischen Frage nach einer inhaltlichen Klammer an Botschaften, die Jung und Alt zueinander führt.  Denn eines steht fest: Die Tatsache, dass die Generation Y eine querdenkende Generation von Überzeugungstätern zu werden scheint, kann Unternehmen und ihren Mitarbeiterkulturen auch tatsächlich nutzen! Ist es doch gerade der Mangel an Innovation, Überzeugung und Mut zur Ungewöhnlichkeit, der viele Unternehmen derzeit umtreibt.

Vorausgesetzt es gelingt, dem Nachwuchs einen „Good Cause to Work for“ zu vermitteln, der sie langfristig motiviert und zu den übergreifenden Zielen und Werten des Unternehmens passt.  

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