Smart Arts als Zwangsjacken fürs Gehirn

Die Bedeutungsillusion

Alles ist eine Kopie, ist eine Kopie, ist eine Kopie. Das ist nicht nur ein Zitat aus dem Kultfilm „Fight Club“. Sondern tägliche Realität. Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie mal einen Tag lang Kommunikations- oder Strategiekonzepte aus der Feder von Unternehmen, Agenturen und Beratungsfirmen. Am besten die eigenen. Woher kommt die Gleichförmigkeit des Denkens? Wer bestimmt den geistigen Management-Mainstream unserer Zeit? Sind es die Porters und Druckers? Sind es die internationalen MBA-Studiengänge? Alles Unsinn. Unsere Rechercheure haben ihn gefunden und gestellt. Den Mann, der dem Denken der globalen Wirtschaft Form und Richtung gibt. Eine Enthüllungsgeschichte.

Sein Name ist Whitfield Diffie. Und er ist an allem Schuld. Ohne dass wir je von ihm gehört haben, bestimmt sein Werk über unser Denken. Was er geschaffen hat – oder vielmehr was daraus wurde – gibt vor, wie auf dieser Welt Probleme erfasst und gelöst werden. Wie wir Informationen gliedern und vermitteln. Wie Unternehmen Entscheidungen treffen. Whitfield Diffie hat (ausgerechnet) 1984 eine kleines Programm namens „Presenter“ geschrieben. Für seinen Chef. Damit dieser es leichter hat, vor Publikum zu sprechen. Diffie wird damals kaum geahnt haben, dass aus seinem Presenter der ideenfressendste Virus bis zur Erfindung der Castingshow werden würde: Microsoft PowerPoint.

100 Milliarden Slides jährlich

Jeden Tag finden auf dieser Welt ungefähr 30 Millionen PowerPoint-Präsentationen statt. Aufs Jahr gerechnet gehen über 100 Milliarden Folien, genannt Slides, ins Rennen. Das hat der Informationswissenschaftler Edward Tufte mal ausgerechnet. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen. Das wäre auch nicht weiter dramatisch. Würde uns das Programm und die Möglichkeiten, die es bietet, unseren Gehirnen nicht klammheimlich eine Zwangsjacke anlegen. Eine Zwangsjacke, die wir erst dann spüren, wenn es zu spät ist. Nämlich dann, wenn das eigenständige Denken von den immer gleichen Schablonen aufgezehrt wurde.

Immer wieder verführt uns PowerPoint mit vertrauten Formen und Figuren, Darstellungsformen und Diagrammtypen, die so bedeutend, so durchdacht wirken. Die uns aber insgeheim verblöden. Und die ausgerechnet „Smart Arts“ heißen. Betrachten wir einige dieser geistigen Lockvögel im Slideformat, die besonders gerne und häufig genutzt werden.

Sprache formt denken, Form bestimmt Inhalt

These: Die uns zur Verfügung stehenden Darstellungsformen bestimmen den Inhalt unserer Präsentationen. Nicht umgekehrt. Der Gedanke klingt gewöhnungsbedürftig, ist aber grundsätzlich nicht neu. Das so genannte linguistische Relativitätsprinzip geht davon aus, dass grammatikalische, lexikalische und semantische Strukturen von Sprache einen Einfluss darauf haben, wie die jeweilige Sprachengemeinschaft Erfahrungen aufnimmt und verarbeitet. In anderen Worten: Sprache formt Denken. Allein schon die zur Verfügung stehenden Worte beeinflussen und begrenzen die Wahrnehmung der Umwelt. Gedankenexperiment: Zwei eineiige Zwillinge werden grausamer Weise bei der Geburt voneinander getrennt. Aber ansonsten komplett identisch, jedoch in zwei verschiedenen Sprachen aufgezogen. Sagen wir in Deutsch und in Swahili. Die Inhalte ihrer Schulaufsätze zum Thema „Die schönsten Sommerferien meines Lebens“ würden sich deutlich voneinander unterscheiden.  Selbst, wenn sie diese in der gleichen Jugendherberge im Allgäu verbracht hätten.

„Products are for people who don’t have presentations“

Auch wenn die Hypothese der linguistischen Relativität mittlerweile stark kritisiert und teilweise widerlegt wurde: Sie regt trotzdem zum Nachdenken an. Man stelle sich vor, es gäbe auf der Welt nur eine einzige Sprache. Würden sich die Denk- und Handlungsmuster nicht zwangsweise angleichen? Die Antwort auf diese Frage bringt uns zurück zum längst etablierten Management-Esperanto der „Smart Arts“ – und dem, was sie anrichten. Denn sie zwingen nicht nur in Denkschablonen.

Die traurige Wahrheit ist, dass sie vielfach dafür sorgen, dass das eigenständige Denken komplett ausgeschaltet wird. Haben wir eine wirkliche Idee? Was kann oder macht unser Produkt eigentlich aus? Diese Fragen sind in der Regel spätestens dann egal, wenn man 186 Slides voller Kreise und Dreiecke im Gepäck hat. „Products are for people who don’t have presentations“ lautet die Parole, die in dieser Szene der US-Serie „Better Off Ted“ grandios karikiert wird:

Der volkswirtschaftliche Schaden, den Microsoft PowerPoint durch die Unterdrückung von Innovationen und der Wiederkehr ewig gleicher Schemata und Strukturen anrichtet, ist kaum zu beziffern. Gar nicht mal um der vielen einschläfernden Präsentationen auf den Beamern dieser Welt willen. Sondern, weil selbst kleine Überraschungen große Wirkung haben können.

Kleine Überraschung, große Wirkung

Sei es in der Vorstellung des eigenen Projektes bei den Vorgesetzten oder dem Multi-Millionen-Euro-Pitch. Den Korridor des Vertrauten muss man dabei gar nicht verlassen. Aber Regelbrüche tun gut. Sie regen an. Sie differenzieren die eigenen Inhalte von denen anderer. Sie erinnern uns daran, dass Denken Spaß machen kann. Dass es sich lohnt, zuerst über das „was“ und dann über das „wie“ von Problemlösungen nachzudenken. Das gilt kaum irgendwo mehr, als in der Kommunikations- und Beratungsbranche. Denn selbst hinter den schönsten Slidedecks verbirgt sich manchmal ein nackter Kaiser. Und nicht jeder ist dann wirklich attraktiv.

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