GRI-Nachhaltigkeitsberichte: Ab 2016 ist der Standard G4 verpflichtend

Bleibt alles anders

Schwäbische Kaufleute tun gut daran, sich sonntags in der Kirche zu zeigen. Sonst kaufen die Hausfrauen des Ortes nämlich woanders ein. Wie tief des Kaufmanns Glaube wirklich ist, weiß der Herr allein. Für die Glaubhaftmachung angemessener Frömmigkeit reicht es allerdings aus, beim Zählappell an Kanzel und Klingelbeutel anwesend zu sein. In der großen weiten Welt wird ein entsprechender Nachweis ethischer Integrität durch die Veröffentlichung eines Nachhaltigkeitsberichts erbracht. Diese Publikation ist für Unternehmen und Institutionen inzwischen zum Eckpfeiler des Reputationsmanagements geworden. Wer hier zu kurz springt, braucht sich um seine übrigen Imagefaktoren keine Gedanken mehr zu machen – wir haben im komm.passion-Dossier 04/2014 darüber berichtet. Messlatte für den überwiegenden Teil der Nachhaltigkeitsberichte ist das Regelwerk der Global Reporting Initiative GRI, bisher in der Version G3, ab 2016 verpflichtend in der Version G4. Grundlagenwerk und Implementierungsanleitung der neuen Leitlinie umfassen in der deutschen Version herausfordernde 368 Seiten. Hier daher die wichtigsten Veränderungen auf einen Blick.

Vorgestellt wurden die neuen Leitlinien der GRI bereits im Mai 2013. Inzwischen sind die zentralen Dokumente auch in übersetzten Versionen erhältlich. Es sind konkrete Erläuterungen für den Umgang mit den neuen Standards verfügbar und vor allem wurden die Services der GRI auf die veränderten Zertifizierungsformen abgestimmt. Eine Vielzahl von Unternehmen ist bereits auf den Zug aufgesprungen und hat ihren Bericht öffentlichkeitswirksam auf die neuen Leitlinien umgestellt. 2015 ist es zum letzten Mal möglich, nach dem alten Standard G3 zu berichten, ab 2016 ist nur noch ein Bericht nach dem neuen Standard G4 zulässig. Für Unternehmen, die bereits eingespielte Strukturen für den Bericht nach G3 haben, kann es sinnvoll sein, die Berichterstattung erst im kommenden Jahr umzustellen. Unternehmen, die 2015 zum ersten Mal einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen, sollten dagegen auf jeden Fall schon auf der Basis von G4 beginnen. Angesichts des erheblichen Aufwands für die Installation der erforderlichen Prozesse wäre es kaum zu verantworten, zusätzlichen Aufwand für die einmalige Nutzung einer auslaufenden Plattform zu treiben.

Große Freiheit Nummer 4

In einer Zeit ungehemmt wuchernder Compliance-Anforderungen klingt es wie ein Märchen, dass eine Aufgabe zukünftig individueller, flexibler und zielorientierter gelöst werden soll. Genau das ist aber beim Generationswechsel von G3 auf G4 geschehen. Nach G3 gab es ein hochdifferenziertes Raster von Berichtstypen. Veröffentlicht werden konnte auf den Levels A, B und C, jeweils noch unterschieden nach einfachen und extern überprüften Berichten auf Plus-Standard. Jedes Level brachte dabei sein eigenes Anforderungsprofil mit verpflichtenden Kern- und Zusatzindikatoren mit, über die berichtet werden musste. G4 kennt nur noch die Berichtslevel Core und Comprehensive. Wichtiger als diese Reduktion auf zwei Berichtstypen ist aber die Entscheidung der Global Reporting Initiative, Unternehmen große Freiheit bei der Auswahl der für sie relevanten Indikatoren zu lassen. Zukünftig kann und soll ausdrücklich nur noch über Aspekte berichtet werden, die für das nachhaltige Handeln des jeweiligen Unternehmens wesentlich sind. Wesentlichkeit ist dabei definiert über eine „Schwelle, bei deren Überschreiten Aspekte wichtig genug werden, dass über sie berichtet werden sollte“. Noch offener formulieren lässt sich ein Freibrief nicht – wesentlich ist für G4 alles, was ein Unternehmen für wesentlich hält. Bei einem Bericht auf dem Level Core, der sich besonders für Einsteiger und kleinere Unternehmen anbietet, muss ein Großteil der Standardangaben zum Unternehmen gemacht und über mindestens einen Indikator pro wesentlichem Aspekt berichtet werden. Auf dem deutlich anspruchsvolleren Comprehensive-Level müssen alle Standardangaben gemacht werden; über alle relevanten Indikatoren der ausgewählten wesentlichen Aspekte muss berichtet werden. An eine etwas kürzere Leine werden Unternehmen aus zehn besonders sensiblen Branchen genommen, beispielsweise Flughafenbetreiber, Unternehmen der Lebensmittelverarbeitung oder Öl- und Gasunternehmen. Sie sind gehalten, über ihre individuelle Auswahl wesentlicher Aspekte hinaus über einen branchenspezifischen Satz an Indikatoren zu berichten.

Die Kehrseite der Medaille

Inhaltlich hat sich beim Wechsel auf G4 wenig verändert. Wer schon länger nach GRI-Standard berichtet, wird dementsprechend viele vertraute, wenn auch zum Teil ergänzte und modifizierte Themen wiederfinden. Der Nachhaltigkeitsbegriff umfasst weiterhin die zentralen Dimensionen Ökonomie (4 Aspekte), Ökologie (12 Aspekte) und Gesellschaft (30 Aspekte in vier Unterkategorien), insgesamt stehen 46 Aspekte zur unternehmensspezifischen Auswahl. Wo liegt also der Haken der neuen Freiheit? Sehr einfach – im gestiegenen Anspruchsniveau des neuen Konzepts. Es reicht nicht mehr aus, eine große Matrix brav mit Zahlen zu füllen. Was für das nachhaltige Arbeiten eines Unternehmens wesentlich ist, muss ausführlich begründet, in großer Tiefe dargestellt und vor allem in den Managementprozessen des Unternehmens verankert werden. Das beliebte Greenwashing vergangener Tage wird deutlich erschwert, gefordert ist der Beleg gelebter Nachhaltigkeit. Anspruchsvoll wird die neue Nachhaltigkeitsperspektive vor allem durch die Tatsache, dass ein Unternehmen nicht mehr als isolierte Einheit betrachtet wird, sondern in seiner komplexen Verzahnung mit Stakeholdern und Zulieferern erfasst wird. Schon für die Auswahl der wesentlichen Aspekte muss ein Managementprozess definiert werden, der für einen systematischen, dokumentierten Entscheidungsablauf sorgt.

In den Prozess müssen dabei die Stakeholder des Unternehmens einbezogen werden, seien es interne wie Aufsichts- und Betriebsrat oder externe wie Zulieferer und Kunden. Noch einschneidender wirkt sich die Ausweitung der Berichtspflicht auf die gesamte Wertschöpfungskette aus. Selbst wer in Ostwestfalen streng nach Tarifvertrag produziert, muss sich nun darum kümmern, ob der Zulieferer eines Zulieferers in Pakistan beim Thema Kinder- und Zwangsarbeit eine weiße Weste hat. Das Aufsetzen der entsprechenden Prozesse für die Datensammlung und die Datenbeschaffung selbst kann dementsprechend komplex und aufwändig sein. Ebenfalls neu und verpflichtend ist die Erstellung eines Content Index, der darstellt, welche Indikatoren im Bericht erfasst und welche Daten dabei extern geprüft wurden. Bei der Einreichung des Berichts kann dieser Index gebührenpflichtig geprüft werden und erhält dann beim Erfüllen aller Anforderungen das Content Index Service Icon der GRI. Als konstengünstigere Alternative kann lediglich die Erfüllung der Anforderungen bei den Standardangaben geprüft und durch das Materiality Disclosures Services Icon bestätigt werden. Weiterhin kostenlos ist die reine Registrierung eines Berichts bei der GRI. Unternehmen, die sich als Lohn der Mühe eine möglichst große Öffentlichkeitswirksamkeit ihrer Nachhaltigkeitsberichte wünschen, haben wie bisher die Möglichkeit, ihre Publikationen von der GRI gebührenpflichtig als Featured Reports auf einer Reihe von Plattformen einstellen zu lassen.